Umfrage des Bundesverbandes Rechtswissenschaftlicher Fachschaften e.V. (BRF) zu Legal Tech in der universitären Ausbildung

veröffentlicht am 15.12.2018 von Daniel Timmermann

1. Für wie viele Examensabsolventen wird das Thema Legal Tech und die neuen Fähigkeiten in der späteren Karriere wichtig?

Eine allseits anerkannte Definition von LT existiert aktuell nicht. Der Begriff wird momentan sehr weit und konturlos verstanden. Er umfasst beispielsweise anwaltliche Akquise-Instrumente, zB Plattformen. Auch "Office Tech", dh Unterstützungssoftware ohne spezfischen Rechtsbezug wird zumeist vom LT-Begriff umfasst. Bei diesem weiten Verständnis, wird LT nahezu alle Examensabsolventen betreffen - freilich in unterschiedlichsten Ausprägungen.

2. Sollte Legal Tech in der Uni, im Selbststudium oder eher im Referendariat gelehrt werden und warum?

Funktionierende LT-Anwendungen werden in den seltensten Fällen von einer Person erstellt werden können. Für die Programmierung hochwertiger LT-Anwendungen ist neben dem juristischen Studium die Fähigkeit des Programmierens notwendig. Dazu muss mindestens eine Programmiersprache sowie Englisch perfekt beherrscht werden. Das sind (zu) hohe Voraussetzungen, die nicht Ziel des juristischen Studiums sein sollten. Juristen werden auch in Zukunft keine Informatiker sein. Eine "Lösung aus einer Hand" wird daher zumeist nicht möglich sein. Vielmehr bedarf es einer Zusammenarbeit von Juristen und Informatikern. Wechselseitiges Grundverständnis ist dafür dienlich. Die Vermittlung digitaler und algorithmischer Grundkenntnisse ist daher wichtig, von der Schule bis zum 2. Examen. Das Jurastudium sollte mit Jura, nicht LT, beginnen, da andernfalls bei Erstsemestern ein falscher Eindruck vermittelt werden könnte: Computer arbeiten mit einem Binärsystem. Die Rechtswissenschaft ist eine Geisteswissenschaft, wir erforschen hier keine Naturgesetze iSv richtig oder falsch, vielmehr geht es um das "Dazwischen", welches dem Binärsystem des Computers fremd ist. Daher sollte die technische Komponente des LT erst in späteren Semestern ins Auge gefasst werden.

3. Welche Priorität hat das Thema Legal Tech zwischen anderen Lehrinhalten und welche Intensität sollte die Behandlung erreichen (Einzelvorträge/Seminare/Schwerpunktsangebot/Vorlesungen als Teil der Kerncurriculums)?

Da das Thema LT nahezu alle Juristen betreffen wird (s. Frage 1), hat die Thematik hohe Priorität. Unsere Forschungsstelle Legal Tech bietet dazu an der Humboldt Uni ein Kolloquium an, welches aus acht Abendveranstaltungen besteht. Die Schwerpunkte sind seit Jahren in der Diskussion und werden dies wohl auch bleiben. Hier sollte LT einbezogen werden. Zum einen könnte ein eigener Schwerpunkt LT gebildet werden. Zum anderen sollten spezifische LT-Kenntnisse in jedem Schwerpunkt vermittelt werden, soweit LT-Anwendungen die jeweilige Materie tangieren.

4. Sollte das Ziel sein, Legal Technology, Fallmanagement oder andere neue Themen in das Kerncurriculum aufzunehmen, wie von Markus Hartung gefordert?

Das Jurastudium sollte mit dem Kern Jura beginnen, nicht LT insb. nicht in Form von Marketing durch LT. Im Übrigen wird auf Frage 2 verwiesen.

5. Ist neben dem Kerncurriculum noch Platz für verpflichtende Veranstaltungen, die sich mit Legal Tech auseinandersetzen?

LT, die Digitalisierung und Automatisierung verändern die Welt, insbesondere die juristische, zu intensiv, als das ausschließlich fakultative Veranstaltungen diesem gerecht werden können. Um die Studierenden für den Arbeitsmarkt zu befähigen, sind verpflichtende LT Veranstaltungen notwendig, die Frage ist wo und wie. Dazu wird im Übrigen auf Frage 2 verwiesen.

6. Was ist das konkrete Ziel der bereits bei Ihnen gestarteten Programme (z.B. Vorlesungen/Seminare) zum Thema Legal Tech, wie sind diese gestaltet, wie ist die Resonanz?

Unser LT-Kolloquium intendiert die Entwicklung der Rechtsbranchen vor dem Hintergrund der neuen Techniken zu analysieren. Dadurch soll das Bewusstsein der Studierenden gestärkt und die Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt verbessert werden. Zu unserer Auftaktveranstaltung kamen 25 Studierende, was angesichts der Zeit (18 Uhr) und der Tatsache, dass die Veranstaltung fakultativ ist und keine Leistungspunkte erworben werden können, ein Erfolg ist.

Die Fragen wurden von Daniel Timmermann beantwortet.

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